Partizipationsprozesse brauchen professionelle Kommunikation

Die Bürgerbeteiligung stellt viele Projektentwickler im Wohnungsbau vor neue Herausforderungen. Während Anwohner und Bürger größere Projekte aktiv mitgestalten wollen und sollen, sind die Regeln und die entsprechenden Kommunikationsprozesse in den Unternehmen noch nicht vollends etabliert. Ein informelles Beteiligungsverfahren bietet große Chancen, birgt aber auch gewisse Risiken. Mit einer transparenten, offenen und zielorientierten Haltung plus professioneller Kommunikationsplanung profitieren alle Seiten.

Berlin wächst und die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum steigt. Zur verlässlichen und dauerhaften Sicherung sollen bis zum Jahr 2025 jährlich 10.000 neue Wohnungen gebaut werden. Dabei geht es auch um eine integrative und sozialverträgliche Quartiersentwicklung und um eine angemessene Partizipation der Bürger.

In vielen Quartieren reagieren die Anwohner skeptisch auf Neubauvorhaben. Zum einen werden vorhandene Baulücken und Freiflächen nicht bewusst als potenzielle Baugrundstücke wahrgenommen. Jede Schließung einer „Lücke“ kann als Einschränkung erlebt werden, besonders wenn diese Areale bereits von den Anwohnern eingenommen wurden. Zum anderen gibt es ein hohes Misstrauen hinsichtlich sozialer Aspekte. Wer in einem Quartier lebt und sich wohl fühlt, möchte häufig keine Veränderungen, oder sie zumindest zum eigenen Besseren mitgestalten.

 

Paradigmenwechsel berücksichtigen

Unter dem Stichwort Bürgerbeteiligung versteht man unterschiedliche Grade der Mitbestimmung. Bei formellen Beteiligungsverfahren entscheidet letztlich die Bürgerschaft über die Umsetzung. Bei informellen Verfahren geht es um Information, Konsultation und Mitgestaltung. (Siehe Grafik „Grad der Bürgerbeteiligung“)

„Grad

 

Erfahrungen mit Planungen wie z.B. der Bebauung des Tempelhofer Feldes haben eindrücklich gezeigt, dass über den Willen und die Köpfe der Anwohner und Interessensgruppen hinweg Projekte kaum realisiert werden können. Die kommunikative und politische Kraft, die in solchen Interessenskonflikten entsteht, ist beeindruckend.

Hier wird offenbar, dass ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat: weg von einer Top-down-Kommunikation von Unternehmen zu Anwohner, hin zu wechselseitigen Top-down und Bottom-up-Verfahren und letztlich zu einem Dialog auf Augenhöhe. Die Anwohner gelten zu Recht als Experten für ihr Quartier und finden auch ohne direkte Befragung eine Stimme in der Öffentlichkeit. Auch durch digitale Medien, wie Blogs oder Foren, Social Media Portalen, kurz: durch die Vernetzung im Web 2.0 hat sich die Kommunikationshierarchie verändert. An dieser Entwicklung sollten und können auch Wohnungsunternehmen nicht vorbeigehen.

Für viele Unternehmen ist dies eine Herausforderung. Die proaktive Auseinandersetzung und die entsprechenden Kommunikationsprozesse sind noch nicht überall professionell installiert. So setzt der konstruktive Dialog zu spät ein oder soll unterdrückt werden, was im schlechtesten Falle zu Eskalation, Kostenexplosionen und Imageschäden führen kann. Kommunikationsprozesse können nicht verhindert, sondern nur gestaltet werden. Doch wie kann die Kommunikation geplant werden? Wann setzt sie ein? Welche Kanäle umfasst sie? (Siehe Grafik „Kommunikationsprozess“)

„Kommunikationsprozesse

 

Kommunikationsprozess gestalten

Zum professionellen Management eines interaktiven Informations- und Beteiligungsprozesses
gehören Transparenz und Glaubwürdigkeit. Eine Kommunikation auf Augenhöhe bedeutet, einen personalisierten Ansprechpartner für die Bürger zu benennen, der offen und mit Fingerspitzengefühl auftritt. Es muss frühzeitig und klar kommuniziert werden, welche Eckpunkt aus gegebenen Gründen unverrückbar sind und wo Partizipation mit Gestaltungsspielraum stattfinden kann. In einem diskursiven Austausch können die Regeln des Dialogs gemeinsam festgelegt werden. Die Anwohner sollten idealerweise einen Beirat wählen, der die oft heterogenen Interessensgruppen vertritt. Bei der Ausgestaltung der Kernbotschaften sind sachlich-informative Inhalte oft genauso wichtig, wie angemessene emotionale Aspekte, die positive Potenziale aktivieren. Ziele und Relevanz des Projektes müssen nachvollziehbar kommuniziert werden.

 

Maßnahmen im Kommunikationskonzept

Bei der Wahl der Medien geht es um einen Mix geeigneter Kommunikationskanäle: direkt, klassisch und digital. Ziel ist es, das Projekt frühzeitig für Interessensgruppen greifbar zu machen, den Nutzen zu kommunizieren sowie im weiteren Verlauf Meinungen und Bedürfnisse zu integrieren. Deshalb ist es sinnvoll, alle identifizierten Ziel- und Interessengruppen zu berücksichtigen und mit entsprechenden Medienreichweiten anzusprechen.

Um den Dialog aktiv zu eröffnen, können vor Ort zum Beispiel Anwohnerinformationen im Briefkasten, Einladungen zu Infoveranstaltungen, gegebenenfalls moderierte Anwohnerversammlungen oder Workshops vorgesehen werden. Fragen, Anregungen, Ideen, Wünsche und Kritik der Bürger können im direkten Dialog oder z.B. auf Facebookseiten gezielt gesammelt und die Ergebnisse auf Webseiten und/oder in einem ständigen Infobüro veröffentlicht werden. Auch die bekannten Infomaterialien wie Broschüren oder Flyer, klassische Pressearbeit, informative Anzeigen können im Kommunikationsmix konzertiert zum Einsatz gebracht werden.

Bei allen Maßnahmen sollten die Ziele stets klar formuliert und die Bedürfnisse der Bürger strukturiert erfasst werden, um den gemeinsamen Nenner zu finden. Denn es geht nicht um eine Einweg-Sender-Empfänger-Kommunikation zur Durchsetzung des Projektes, sondern um Relevanz und Akzeptanz, die es zu erwerben gilt.

Gerade neuen Medien kommt in diesem Dialog eine hohe Bedeutung zu. Sie ermöglichen online Open-Space-Konferenzen, Zukunftswerkstätten und Teilhabe in Echtzeit. Dass soziale Medien wie Facebook oder Twitter sich für die Immobilienwirtschaft gut eigenen, zeigt zum Beispiel das Facebook Portal „JEDER M2 DU“ der WBM. Mit fast 18.000 Fans wird hier bereits Interesse und Bindung generiert. Eine hervorragende Basis um konkrete Entwicklungen zukünftig zu steuern.

 

Aktives Medien-Monitoring

Für welchen Kommunikationsmix sich die Projektentwickler auch immer entscheiden, die Meinungen in den neuen Medien sollten beobachtet werden: in Blogs oder Foren, auf Twitter oder Facebook, in Presse und Onlineportalen setzen sich relevante Themen sehr frühzeitig durch und generieren Öffentlichkeit. Deshalb bedarf es zumindest einer regelmäßigen Stimmungserfassung durch ein gezieltes Monitoring aller Medien. Nur so können Meinungen und etwaige Wendungen in der Kommunikation rechtzeitig erkannt und angemessen moderiert werden.

 

Beispiel Wiesenburg

Wie schnell Meinung gebildet wird, zeigt das Areal „Wiesenburg“, das derzeit von der degewo entwickelt wird. Ein historischer Ort, der einst als Obdachlosenasyl genutzt wurde und heute als Kleinod für Künstler gilt. Während die degewo die denkmalgeschützte Wiesenburg vor weiteren Verfall bewahren und für nachbarschaftliche und soziale Aktivitäten im Quartier öffnen will, fürchten die Bewohner laut eines Berichtes auf Spiegel Online „Immobilienhaie“ und „Verdrängung“. Erst mit der Aufnahme eines direkten Dialogs ist eine konstruktive Auseinandersetzung möglich geworden. Die Quartiersmanagerin Cordula Fay dazu: „Wir haben bereits viele Gespräche vor Ort geführt und streben an, Bewohner und Nutzer bei der weiteren Entwicklung einzubeziehen.“ Dies ist nicht nur für die Nutzung des Areals wichtig, sondern auch für den erfolgreichen Verlauf des Projekts.

 

Chancen und Risiken bei Bürgerbeteiligung

Partizipation birgt für die Quartiers- und Stadtentwicklung große Potenziale. Die Chancen und positiven Aspekte liegen auf der Hand. Sinnvolle und kommunikativ gut moderierte Projekte gehören zu einer nachhaltigen Entwicklung und führen zu guten Reputationen. Eine abgestimmte Kommunikation, ein bewusster Dialog und eine gestaltete Auseinandersetzung stehen für Glaubwürdigkeit und Akzeptanz, wirken nutzen- und identitätsstiftend. Auch die bedarfsgerechte Integration von z.B. Kindergärten, Senioreneinrichtungen oder Begegnungsstätten wirken nachhaltig positiv, sofern sie gut abgestimmt sind.

Auch die Risiken einer mangelnden oder fehlgeleiteten Kommunikation sind offenkundig. Unberechenbarkeiten in der Entwicklung stellen eine Gefahr für die Unternehmens- und Projektziele dar. Bauverzögerungen, Kostenexplosionen, Projektabbrüche aber auch negative Faktoren wie Imageschäden und Vertrauensverlust zählen dazu. Es ist deshalb keine Frage OB, sondern vielmehr WIE Partizipation bei Wohnungsneubauten initiiert werden soll – und wie der kommunikative Prozess sinnvoll geplant werden kann, damit ein Mehrwert für beide Seiten entsteht.

 

Gastartikel für die BBU-Nachrichten Ausgabe 08/2015

 

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